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Zypern: Fahrradauszeit und Planung unserer Weiterreise / 11.8.-10.9.2021


15 Zugstunden, 45 Velokilometer und 22 Busstunden nach dem wir in Eriwan, Armenien in den Zug gestiegen sind, steigen wir in Mersin, Türkei aus dem Bus. Puh, das war lang!In brütender Hitze suchen wir im quirligen Mersin ein Hotel. Die nächsten zwei Tage verbringen wir mit Fährticket organisieren und Coronatest machen. Dann geht es endlich los! Unsere Fähre nach Magusa in Nordzypern startet vom Frachthafen aus. Die Passagiere werden normalerweise vom Check-In-Schalter mit dem Bus zum Schiff geführt. Da wir mit den Rädern dort sind, dürfen wir selbst zur Fähre fahren. “Aber seid vorsichtig! Schaltet eure Lichter an und setzt die Helme auf.” mahnt uns der engagierte, freundliche Angestellte, bei dem wir schon unsere Tickets gekauft haben. Es ist bereits dunkel. Im Hafen wird fleissig gearbeitet. Grelles Scheinwerferlicht, haushohe Schiffe, um Containerstapel rangierende Krane, piepsende Maschinen und lärmende Lastwagen umgeben uns, als wir uns unseren Weg durch den Hafen bahnen. Wir sind die ersten beim Schiff, so haben wir noch kurz Zeit, das beeindruckende Geschehen um uns zu beobachten, bevor wir einsteigen müssen. Die Nacht auf der Fähre verbringen wir dann auf Deck. Wir blasen unsere Matten auf und schlafen mit Blick auf 1000 Sterne und Meeresbrise um die Nase ein. Wunderschön! Geweckt werden wir von der aufgehenden Sonne. In der Ferne ist bereits die Insel zu erkennen.

Wir freuen uns auf unkompliziertes, gemütliches Fahrradreisen. Zypern gilt als Fahrradgeheimtipp: ruhige, annehmbare Strassen, beeindruckende Küsten, Berge im Landesinneren, sicheres Wetter und gute Versorgungsmöglichkeiten. Doch bereits am ersten Fahrtag merken wir, dieser Plan wird wohl nicht aufgehen.Es ist 10:00 Uhr, seit 2,5 Stunden sind wir unterwegs. Die Sonne brennt auf der Haut. Der Fahrtwind vermag kaum mehr zu kühlen. Es pocht in den Schläfen vor Anstrengung, obwohl die Strecke flach ist. Mit dem brühwarmen Wasser in den Trinkflaschen, will der Durst nicht richtig gestillt werden. Im Halbstundentakt gelüstet es uns nach frischem, kaltem Wasser. Doch anhalten und einkaufen ist eine schreckliche Vorstellung: in sekundenschnelle schiesst der Schweiss aus allen Poren, wenn der Fahrtwind wegfällt. Die ganze Kleidung beginnt am Körper zu kleben und scheuert bei jeder Bewegung. Die salzige, feuchte Luft tut ihr übriges dazu, die Situation maximal unangenehm zu machen. Wir halten noch knapp eine Stund durch, dann geht nichts mehr. Wir müssen in den Schatten. Unter einem der raren Bäume finden wir ein Plätzchen, an dem wir ein paar Stunden bleiben können. Wir schlagen die Zeit mit Essen, Schlafen und Jazzy spielen tot. Erst um 15:30 wagen wir uns wieder raus. Wir quälen uns durch den Nachmittag und finden gegen Abend einen wunderschönen Wildcampingplatz an einem einsamen Strand. Eine angebrachte Entschädigung für diese Plackerei. Jetzt ein Sprung ins kühle Nass und die Welt ist wieder in Ordnung. Tja, denkste. Das “kühle Nass” hat 29 Grad! Wir springen trotzdem rein, so sind wir immerhin nicht mehr vom Schweiss salzig und klebrig, sondern vom Meerwasser. Als die Sonne untergeht und die Nacht hereinbricht sinkt das Thermometer immerhin auf frische 27 Grad.

In den nächsten zwei Tagen kämpfen wir uns zum Golden Beach - unser erstes angedachtes Ziel auf Zypern - durch. Der einsame, naturbelassene Strand liegt am äussersten östlichen Zipfel der Insel. Die nächste Ortschaft ist 17 km weit entfernt. Auf dem Weg dahin finden sich lediglich ein paar wenige Hotels und ein paar Hirtenverschläge - sonst nichts. Die Golden Beach Region ist ein Naturschutzgebiet. Es bietet vor allem den Wasserschildkröten sichere Nistplätze am Strand. Der Lebensraum der hier lebenden wilden Eseln soll ebenfalls bewahrt werde. Dies hindert manche Menschen aber nicht daran, ihren Abfall am Wegesrand liegen zu lassen, oder gar, so scheint es, bewusst hier abzuladen. Anders lassen sich die Abfallhaufen kaum erklären. Das macht uns traurig und wütend. Am Golden Beach gibt es einen einfachen Campingplatz, dessen Infrastruktur vom Betreiber Hasan eigenhändig zusammengeschustert wurde. Wir entscheiden uns für ein charmantes, klappriges rotes Baumhäuschen als unsere Schlafstätte. Mario ist zuversichtlich, dass es halten wird - ich glaube ihm, immerhin ist er ja gelernter Zimmermann. Da hat er Hasan offenbar etwas voraus.

Zwei Tage geniessen wir an diesem wunderbaren Ort. Das Meerwasser ist türkis und glasklar, das Schlafen unter freiem Himmel wohltuend. Denn im Zelt war es so heiss, dass wir nachts schwitzend wach lagen und kaum Schlaf fanden. Die Hitze ist mit einer jederzeit zugänglicher Dusche auch erträglich.

Doch wir merken, wir brauchen eine richtige Pause. Wir haben zu wenig Energie um unter diesen Umständen Rad zufahren. Die Hitze setzt uns mehr zu als erwartet. Wir brauchen einen Moment, bis wir uns das eingestehen können. Doch als uns klar wird, dass wir seit 6 Monaten kaum je mehr als ein paar Tage am gleichen Ort waren, uns fast täglich mit einer neuen Umgebung, neuen Menschen, neuen Umständen auseinandersetzten mussten, dass wir durch 11 Länder gereist, dabei über 5000 Kilometer zurückgelegt und 51’693 Höhen-meter überwunden haben, erlauben wir es uns, müde zu sein. Noch vom Golden Beach aus buchen wir uns für 10 Tage ein Bungalow mit Pool in Protaras, einem Ferienort im Südteil der Insel. Stelios, der Vermieter, findet es so toll, dass wir mit dem Fahrrad reisen, dass er uns das Bungalow von sich aus fast zur Hälfte des ursprünglichen Preises anbietet. Wow, unglaublich nett.

Für uns gilt es jetzt also, ins 130 km entfernte Protaras zu kommen. Für einen Teil der Strecke nehmen wir den Bus. Zudem brauchen wir einen PCR-Test um den Checkpoint in den Südteil zu passieren. Obwohl die Republik Zypern offiziell die ganze Insel umfasst und Teil der EU ist, ist die Realität eine andere. Nordzypern ist seit dem Zypernkonflikt 1974 zwischen den griechischen und türkischen Zyprioten von der Türkei besetzt. Die Türkei ist das einzige Land, die die „Republik Nordzypern“ als solche anerkennt. Die UN hat eine sogenannte „grüne Linie“ als Pufferzone zwischen den beiden Teilen Zyperns geschaffen. Diese zieht sich als abgezäunter, brachliegender Landstrich quer über die Insel. Aber nicht nur die Griechen und die Türken waren an Zypern interessiert, auch die Briten wollten diese strategisch gut gelegene Insel im Mittelmeer nutzen. 1925 erklärte Grossbritannien Zypern zur Kronkolonie. Das gefiel den Zyprioten nicht, es gab Widerstandsbewegungen und 1960 endete die britische Herrschaft. Bis heute gibt es noch zwei grosse britische Militärbasen auf Zypern. Und auch der Linksverkehr ist geblieben.

Wir beziehen unser Häuschen und geniessen es in vollen Zügen. Protaras ist ein übersichtlicher Ort, an dem wir uns schnell auskennen und wohl fühlen. Sehr touristisch zwar, für einmal ist uns das aber ganz recht. So sind wir zwei unter vielen und fallen nicht auf. Wir leben einen fast normalen Alltag mit kochen, einkaufen im Lidl, Spaziergängen und Baden im Pool.

An einem Abend führt uns Mihalis, Stelios Bruder, zum Abendessen aus. Er erzählt uns, dass “unser” Bungalow früher das Familienferienhaus war. Jetzt, da alle erwachsen sind und auf der Insel verstreut leben, vermieten sie es. Im Gespräch mit Mihalis, erfahren wir viel über das aktuelle Leben auf Zypern. Zum Beispiel, dass fast alle jungen Leute zum Studieren ins Ausland gehen. Daher gibt es kaum richtig grosse, anerkannte Universitäten auf Zypern. Viele Fischerdörfer haben sich in den letzten Jahren in rasantem Tempo zu Touristen-hochburgen entwickelt. Das ist Fluch uns Segen zugleich. Der Tourismus generiert Arbeitsplätze, gleichzeitig steigen die Immobilienpreise derart, dass Einheimisch nicht mehr mithalten können. Vor allem, da Zypern lange Zeit regelrecht damit geworben hat, dass man mit einem Immobilienkauf auch die zypriotische Staatsbürgerschaft - und somit eine EU-Staatsbürgerschaft - erhält. Die Menschen, die nicht von Tourismus leben, arbeiten im Dienstleistungssektor, sind Anwältinnen, Treuhänder oder Ärztinnen. Industrie und Landwirtschaft findet man auf Zypern kaum. Es wird sehr wenig auf der Insel selbst produziert, fast alles muss importiert werden.

Die Tage im Häuschen nutzen wir auch um unsere Weiterreise zu planen. Unsere ursprüngliche Idee war ja, mit dem Boot von Zypern weiterzureisen. Dies stellt sich leider als unrealistisch heraus. Der reguläre Fährverkehr mit jeglichen anderen Ländern - sogar mit Griechenland - ist eingestellt. Dies aus den verschiedensten Gründen: Corona, Flüchtlingskrise, Unstimmigkeiten bezüglich Betriebskosten zwischen den Ländern und zu geringe Auslastung. Frachtschiffe verkehren hingegen reichlich. Ich stelle Anfragen an alle von Zypern aus operierenden Firmen und erhalten immer die selbe Antwort: keine Passagiertransporte im Moment. Als letzte Option blieben noch Kreuzfahrtschiffe oder private Segelboote. Alle Kreuzfahrtschiffe haben ihre Turns in die Nahostregion bis mindestens Winter 2021 eingestellt. Anfragen bezüglich Anheuerung auf einem privaten Segelboot laufen ebenfalls ins Leere. Okey, dann ist es also doch das Flugzeug, dass und wieder von der Insel runter bringt.

Die Wahl fällt schliesslich auf Jordanien als nächstes Reiseland. Das ist in nur einer direkten Flugstunde erreichbar. Zudem scheint eine Weiterreise nach Ägypten möglich, von wo aus wir erneut einige interessante Optionen sehen ohne erneut fliegen zu müssen. Falls sich die Lage nicht drastisch ändert - dass weiss man im Moment ja nie.

Nach unserer “Häuschen-Zeit” radeln wir also nach Larnaca, von wo aus wir auch fliegen werden. Dort steuern wir als erstes den Veloshop Pro Cycle Hire von Colin an. Vor gut zwei Wochen hatte ich Colin angefragt, ob er uns seine Adresse “leiht”. Wir haben uns ein Paket mit ein paar Kleinigkeiten aber vor allem mit 4 neuen Reifen, die wir hier in gewünschter Qualität einfach nicht fanden, schicken lassen. Colin ist ein Volltreffer für uns. Wir konnten nicht nur seine Adresse benutzen und bekommen Fahrradkartonboxen bei ihm, nein, er bietet uns auch seine Chaffeuerdienste an. Für 10 Euro fährt er uns und unsere Räder ein paar Tage später in seinem Bus zum Flughafen. In der Zwischenzeit gibt es einiges zu tun. Als erstes fahren wir mit einer von Colin verfassten Einverständniserklärung und dem Abholschein zur Post, denn das Paket muss dort abgeholt werden.

Meio beschäftigt sich die nächsten Tage vor allem mit den Velos: alle vier neuen Reifen montieren, Velos verkleinern, alle heiklen Stellen polstern und schützen, Verpackungsmaterial besorgen und die Räder schliesslich flugtauglich verpacken. Ich kümmere mich mehr um den Papierkram: Flugticktes buchen und gefühlt 100 Formulare für die Einreise und das Visum für Jordanien ausfüllen und ausdrucken. Und was darf nie fehlen? Genau! Ein PCR-Test! ;) Doch in 4 Tagen sind wir bereit. Colin holt uns ab und fährt uns zum Flughafen. Juhui! Ein neues Kapitel unserer Reise beginnt, den in wenigen Stunden heisst es: Salam Jordanien!





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